Wenn ich mit Freunden oder Bekannten über meine Trainertätigkeit spreche, dann kommt schnell immer wieder eine Frage auf: “Wie bist du auf den Namen ‘It’s not the mountain’ gekommen?” Wie bereits an anderer Stelle kurz erklärt, motiviert mich dieses Zitat von Bergsteiger Sir Edmund Hillary ungemein, weil es zeigt: Alles ist eine Kopfsache. Meistens steht uns nicht ein Berg, sondern stehen wir uns selbst im Weg. Dies ist nun meine ganz persönliche Geschichte von meinem “Berg”.

So vieles im Leben ist eine Kopfsache, ob es nun um Sport, Gesundheit oder andere Dinge geht. Wir haben wohl alle unsere kleinen oder auch größeren Herausforderungen. Das können Dinge sein, die uns Angst machen oder Dinge, von denen wir denken „Ach, das kann ich nicht, das schaffe ich eh nicht“. Wir ignorieren diese dann vielleicht oder umgehen sie bewusst.

Ich glaube allerdings, dass Ängste, denen wir uns nicht stellen, zu unseren Grenzen werden. So ist es bei mir gewesen mit meinem “Berg”. Dieser ist tatsächlich auch ein Berg oder besser, es hat damit zu tun. Denn ich habe Höhenangst. Schon seit Kindertagen. Sobald es irgendwie nach oben geht – sei es ein Aussichtsturm oder beim Wandern etwas bergiger -, ergreift mich ein mulmiges Gefühl. Es beginnt mit einer inneren Unruhe, einem leichten Zittern. Dann kommen weitere Paniksymptome. Mir bricht der kalte Schweiß aus und mein Herz fängt an zu rasen. Mein Körper schaltet auf Panikmodus und wenn es ganz schlimm kommt, blockiere ich und kann nicht weiter gehen. Mein Körper signalisiert mir: “Es ist nicht sicher – Gefahr!”.

Die Panik, sobald es nach oben geht, die Angst auf offenen Aussichtsplattformen, die Angst am Fenster im 10. Stock eines Hochhauses, sind im Alltag zu meinen Grenzen geworden. Ich erklimme zwar nicht jeden Tag Höhen oder halte mich in Wolkenkratzern auf, aber zumindest im Urlaub oder auf Ausflügen genieße ich gern eine schöne Aussicht. Das will ich mir nicht nehmen lassen, also fasste ich den Entschluss, diese Grenze zu überschreiten.

Sardinien 2015 – Foto: Tim Boer

Hauptauslöser meiner Angst ist ein Gefühl des “Nicht-Sicher-Seins”. Daher war mir klar, ich muss lernen, dass Höhe nicht automatisch gefährlich sein muss. Konfrontation war daher mein Mittel der Wahl beim Projekt “Bekämpfe deine Höhenangst”. Und was eignet sich dafür besser als Klettern?

Bei der TG Bornheim hier in Frankfurt habe ich einen Kletterkurs gefunden und mich kurzerhand angemeldet. Die erste Stunde kam und damit auch die Zweifel, als ich vor der Wand stand. Kneifen kam jedoch nicht in Frage, also ging es nach der Sicherheitseinweisung los. Klettergeschirr umgeschnallt, ich an der einen Seite des Seils, meine Partnerin zum Sichern auf der anderen Seite. Ich kam auf ca. zwei Meter bevor ich das Kommando für das Abseilen gab. Die Woche drauf kam ich einen Meter höher und die Woche darauf noch einen. Mein Kopf merkte nach und nach:  “Das ist gar nicht so schlimm. Da steht jemand unten und hält das Seil fest, da passiert nichts.” Und so kam ich Stück für Stück höher an der Wand, bis ganz nach oben (ca. acht Meter). Was für ein herrliches Gefühl!

Mit der Zeit besserte sich meine Höhenangst tatsächlich. Ich merkte das ganz nebenbei. Bei einer Fortbildung setzte ich mich ohne Nachzudenken mit dem Rücken ans Fenster – im 10. Stock! Vor dem Kletterkurs war das absolut undenkbar. Ich hätte noch nicht einmal am Fenster stehen können ohne ein komisches Gefühl im Magen zu bekommen. Das Verrückte: Ich habe noch nicht einmal über die Höhe nachgedacht, als ich mich aufs Fensterbrett setzte. Als es mir auffiel, freute ich mich, dass ich ohne Probleme nach unten in die Tiefe schauen konnte.

Mein absolutes Kletter-Highlight hatte ich dann auf Sardinien beim “Klettern am Fels”. Klettern in der Natur ist etwas ganz anderes und hat mich enorme Überwindung gekostet. Nach Angstattacken in den ersten Tagen ging es langsam besser. Und nach ein paar Anläufen habe ich es dann tatsächlich geschafft. Am letzten Tag erreichte ich – frei nach dem Motto “jetzt, oder nie” – eine Höhe von fast 20 Metern. Das war ein großartiges Gefühl – im Nachhinein. Oben angekommen wollte ich nach kurzem Durchatmen nur schnell wieder sicher runter. 😉 – An dieser Stelle ein besonderer Dank an den Klettertrainer Tim Boer. Ohne Dich wäre ich diese 20 Meter nicht hochgekommen!

Sardinien 2015: Fast 20 Meter – da wollte ich dann doch schnell wieder runter. Aber es war ein großartiges Gefühl.

Ich bin stolz auf das, was ich erreicht habe. Mein Ziel war es, besser mit der Höhenangst umgehen zu können. Und das habe ich gelernt, auch wenn ich immer wieder mal Angst bekomme. Beim Wandern oder beim Besteigen eines Turms. Einen Tag kann ich besser damit umgehen. Den anderen Tag weniger gut.

Bestätigt hat sich mir: Es ist reine Kopfsache. Wie Hillary sagte, “It is not the mountain we conquer, but ourselves”. Wir überwinden nicht den Berg, sondern uns selbst. Ich weiß jetzt, mir steht nicht die Wand oder der Berg im Weg, sondern ich mir selbst.

Aber zumindest immer ein bisschen weniger.